Die Kontraktion des Schweizer Mediensektors zwischen 2023 und 2026 erklärt sich nicht durch einen spontanen Geschmackswandel der Nutzer, sondern durch die Bedingungen, die dominante Plattformen und der bundesrechtliche Rahmen setzen. Damit ein Schweizer Medium wirtschaftlich tragfähig bleibt, muss es verstehen, wie diese Plattformen den Werbewert abschöpfen, warum Messsignale in der offenen Webumgebung an Qualität verlieren, und wie das Interface-Design das Nutzerverhalten lenkt.

These: Die Kontraktion des klassischen Schweizer Werbemarkts auf CHF 4.089 bis 4.100 Millionen (Stiftung Werbestatistik Schweiz / IGEM) spiegelt einen Verlust an Messsignalen wider, kein redaktionelles Qualitätsproblem. Ein erheblicher Teil der digitalen Gesamtausgaben läuft längst nicht mehr über die offizielle Statistik, weil geschlossene Plattformen sie nicht melden. Um das auszugleichen, bauen Schweizer Medien eigene Identitätssysteme (OneID), sichere Datenumgebungen und auf generative KI-Suchmaschinen optimierte Inhalte (GEO) auf.

Die falsche Prämisse: Die Abwanderung ist nicht freiwillig

Die gängige Lesart schreibt den Niedergang lokaler Medien der Vorliebe der Nutzer für globale soziale Plattformen zu. Diese Erklärung greift zu kurz: Der Informationskonsum reagiert auch auf das Design der Interfaces, das darauf ausgelegt ist, Reibung zu reduzieren und automatisierte Nutzerentscheidungen auszunutzen. Das Publikum wählt ein geschlossenes Ökosystem nicht aus eigenem Antrieb — es landet dort, weil das technische Design es dorthin lenkt.

Der Rückgang der Werbeeinnahmen der Printmedien um 8,4 Prozent im Jahresvergleich, dokumentiert von der Stiftung Werbestatistik Schweiz, sowie der Druck auf die redaktionellen Margen bestätigen diese Asymmetrie: Die bereinigte EBIT-Marge von Tamedia brach 2024 auf 0,6 Prozent ein und erholte sich 2025 dank Kostensenkungen und dem Wachstum der digitalen Plattformen auf 3,0 Prozent, laut dem Jahresbericht der TX Group. Parallel dazu vereinnahmen internationale Technologieplattformen zusätzlich CHF 2.078 bis 2.547 Millionen, die nicht an die offizielle Schweizer Werbestatistik gemeldet werden — Geld, das bei den traditionellen Medien nicht mehr ankommt.

Was den Markt wirklich bestimmt: revDSG und der Verlust von Signalen

Die Kombination aus dem Bundesgesetz über den Datenschutz (revDSG) und den Vorgaben von Google Consent Mode v2 hat dem digitalen Werbeinventar in der Schweiz reale regulatorische Reibung hinzugefügt. Hinzu kommt die hohe Safari-Nutzung im Schweizer Markt, wo die standardmässige Blockierung von Drittanbieter-Cookies (Intelligent Tracking Prevention) einen grossen Teil der mobilen Navigation betrifft. Das Ergebnis: Käufer von programmatischer Werbung verlieren die Fähigkeit, Nutzer zu identifizieren und wiederzuerkennen.

Mit weniger verfügbaren Identifikatoren können Demand-Side-Plattformen (DSP) weniger Publikumsdaten verknüpfen, was den Tausenderkontaktpreis (eCPM) in der offenen Auktion für lokale Medien ohne eigene Identitätsinfrastruktur nach unten drückt. Ohne Möglichkeit, die Identität des Lesers technisch zu verifizieren, wird ein qualifiziertes Werbeinventar zur austauschbaren Massenware, und das Budget wandert tendenziell zu Plattformen ab, die die Nutzeridentität selbst kontrollieren.

MonetarisierungsumfeldRelatives eCPM-NiveauAdressierbarkeit und IdentitätEffizienzdynamik (CAC)
Open Web RTBNiedrigKaum bis keine; Anonymisierung durch ITP, revDSG und Consent Mode v2 erzwungen.Aufwärtsdruck auf die Kosten durch fehlende deterministische Attribution.
Schweizer Konsortium (OneDSP / PMP)Mittel bis hochDeterministisch; Authentifizierung über OneID/OneLog und Data Clean Rooms (Decentriq).Höhere Stabilität: Balance aus First-Party-Signal und Eindämmung der Akquisitionskosten.
Walled Gardens (Meta / Alphabet)HochAbsolut und geschlossen; proprietäre Graphen auf Basis obligatorischer Registrierung.Auktionsinflation durch Sättigung und gebundene Nachfrage.
Qualitativer Vergleich der programmatischen Leistung nach Grad der Kontrolle über die Identitätsinfrastruktur; es existiert kein einziger, öffentlich geprüfter eCPM-Benchmark je Umfeld für den Schweizer Markt.

Wie sich die grossen Gruppen anpassen: Quersubventionen

Da traditionelle Attributionsmodelle an Präzision verlieren, verlagert sich mehr Budget zu automatisierten Systemen wie Performance Max oder Advantage+. Diese Systeme verstärken sich selbst: Sie ziehen mehr Budget in ihr eigenes Inventar, erhöhen den Auktionsdruck und den Tausenderkontaktpreis und schreiben sich Conversions zu, die sich von aussen schwer prüfen lassen.

Um den Rückgang der direkten Werberentabilität auszugleichen, setzen die grossen Schweizer Medienkonzerne auf Quersubventionierung: Sie stützen ihre Redaktionen mit den Erträgen ihrer Transaktionsplattformen. TX Group und Ringier sind das klarste Beispiel — beide gleichen redaktionelle Verluste mit den Einnahmen liquiditätsstarker Plattformen wie SMG Swiss Marketplace Group und JobCloud aus. Der journalistische Inhalt fungiert als kostengünstiger Einstiegspunkt, der Aufmerksamkeit einfängt und zu diesen Kleinanzeigen-Geschäften umleitet, die weniger von Drittanbieter-Cookies abhängen. Es ist dasselbe Prinzip des «eigenen Mediums», das wir — auf Werbeebene angewendet — in unserem Leitfaden zur B2B-Marketingagentur Schweiz beschreiben.

Die strategische Antwort: GEO und Kontrolle über die eigenen Daten

Direkte KI-Antworten in Suchmaschinen (AI Overviews) beschleunigen das Szenario klickloser Suchen und reduzieren den Traffic, den Medien von Google erhalten, spürbar. Die technische Antwort liegt darin, nicht mehr nur für Keywords zu optimieren, sondern eine Generative-Engine-Optimization-Architektur (GEO) aufzubauen: Daten strukturieren und Informationen priorisieren, die KI-Modelle direkt zitieren können.

  • Eigene Identitätssysteme (OneID und OneLog): Schweizer Verleger treiben einheitliche Login-Systeme voran, um Nutzer zu authentifizieren und Werbung in lokalen privaten Marktplätzen (OneDSP) und sicheren Datenumgebungen (Data Clean Rooms) auszuspielen, ohne Kommissionen an externe Vermittler zu zahlen.
  • Direkte Antworten am Textanfang (Answer-First): eigenständige Informationsblöcke am Beginn des Artikels platzieren. Das erleichtert es Sprachmodellen und Retrieval-Systemen (RAG), den Inhalt präzise zu extrahieren und zu zitieren.
  • Strukturierte Daten (Schema): Inhalte mit JSON-LD (NewsMediaOrganization, Person, FactCheck) gemäss den Experience- und Authority-Standards von Google auszeichnen. Das hilft, das Medium innerhalb der Indizes von KI-Modellen als autoritative Quelle zu etablieren.
  • Leistungsschutzrecht: Der Bundesrat hatte im Juni 2025 die Botschaft zur Änderung des Urheberrechtsgesetzes (URG) ans Parlament überwiesen. Nationalrat und Ständerat haben die Vorlage im Frühling 2026 jedoch ohne Gegenstimme an den Bundesrat zurückgewiesen, mit dem Auftrag, auch die Nutzung durch KI-Anwendungen einzubeziehen — ein Anliegen, das auf die Motion Gössi zurückgeht. Der Verband Schweizer Medien (VSM) unterstützt das Vorhaben weiterhin aktiv; ein neuer Gesetzesentwurf des Bundesrats steht noch aus.

Diese Medienlandschaft ist auch der Kontext, der erklärt, warum das Modell «eigenes Medium plus Agentur» in der Schweiz an Boden gewinnt — wir vertiefen es mit konkreten Kostendaten in unserer Werbekosten-Analyse Schweiz, und ordnen es in die generelle Marketingstrategie im Land ein in unserem Leitfaden zu Marketing Schweiz.

Häufig gestellte Fragen

Warum sinken die Werbeeinnahmen der Schweizer Presse, wenn der Medienkonsum nicht verschwunden ist?

Weil nicht das Publikum das Problem ist, sondern wo die Werbeinvestition den Wert abschöpft. Ein erheblicher Teil der digitalen Gesamtausgaben fliesst zu internationalen Technologieplattformen, die ihre Einnahmen nicht an die offizielle Schweizer Werbestatistik melden, während die Printpresse laut Stiftung Werbestatistik Schweiz einen Rückgang der Werbeeinnahmen von 8,4 Prozent im Jahresvergleich verzeichnete.

Was ist das Leistungsschutzrecht und in welchem Stadium befindet es sich?

Es ist ein verwandtes Schutzrecht, das grosse Technologieplattformen verpflichten würde, Medien für die Weiterverwendung ihrer journalistischen Inhalte zu entschädigen, etwa in Suchausschnitten oder beim Training von KI-Modellen. Der Bundesrat überwies die Botschaft im Juni 2025 ans Parlament, doch National- und Ständerat schickten die Vorlage im Frühling 2026 einstimmig an den Bundesrat zurück, mit dem Auftrag, auch KI-Anwendungen einzubeziehen. Ein überarbeiteter Entwurf steht noch aus.

Wie gleichen die grossen Schweizer Mediengruppen den Rückgang der klassischen Werbung aus?

Durch Quersubventionierung: Gruppen wie TX Group und Ringier stützen die Rentabilität ihrer Redaktionen mit liquiditätsstarken Transaktionsplattformen — Kleinanzeigen-, Stellen- oder Marktplatzportale —, die unabhängig von der redaktionellen Werbung Erträge erzielen und weniger stark von Drittanbieter-Cookies abhängen.

Was ist Generative Engine Optimization (GEO) und warum brauchen Medien sie?

Es ist die Anpassung redaktioneller Inhalte, damit sie von generativen KI-Modellen und synthetischen Suchantworten (AI Overviews) korrekt zitiert und abgerufen werden, statt nur für den klassischen Klick zu optimieren. Dazu gehört, Informationen in eigenständigen Blöcken zu strukturieren und Daten mit spezifischem Schema (NewsMediaOrganization, FactCheck) auszuzeichnen, um bei wachsenden klicklosen Suchen sichtbar zu bleiben.

Welchen Vorteil bietet ein Identitätssystem wie OneID/OneLog gegenüber offener programmatischer Werbung?

Es erlaubt Schweizer Medien, ihre Leser deterministisch zu authentifizieren und Werbung in eigenen privaten Marktplätzen auszuspielen, ohne von Drittanbieter-Cookies abhängig zu sein, die Browser wie Safari blockieren, oder von zunehmend strengeren Einwilligungsrichtlinien. Das reduziert die Abhängigkeit von der offenen Auktion, wo Inventar ohne verifizierbare Identität gegenüber den grossen geschlossenen Ökosystemen an Wert verliert.